5.35 Uhr. Samstagmorgen. Der Wecker klingelt. Was zum…? Warum sollte ich jetzt schon aufstehen, obwohl ich wegen der anstrengenden Schule ein Wochenend-Ausschlafen echt verdient hätte? Traurige Gedanken machen sich breit im Kopf. Doch halt Stopp! Der frühe Wecker hat einen Sinn! Es geht los auf Taizé-Fahrt! Yeeeessss…

Am 21. September 2019 haben sich nämlich 20 Schüler/innen der 9.-12. Klasse unserer Marienschule gemeinsam mit Frau Herzig und Frau Weidenfeld früh morgens auf dem Bahnsteig in Potsdam wiedergefunden, alle schwer beladen mit Wanderrucksäcken und Reisekoffern, um eine neuntägige Reise nach Taizé in Ostfrankreich anzutreten. In diesem relativ kleinen Ort hat sich 1942 eine Bruderschaft niedergelassen, die sich bis heute zu einer der bekanntesten ökumenischen Jugendpilgerstätten weltweit entwickelt hat. Während jede Woche hunderte von Jugendlichen aus aller Welt nach Taizé gepilgert kommen, leben die ca. 100 Brüder dort ein sehr einfaches Leben, welches zwangsläufig auch den Pilgern nahegelegt wird. Das führte letztendlich dazu, dass die Woche dort auch für unsere Gruppe einen großen Umbruch zu dem gewohnten Leben von Zuhause darstellte. Den Samstag verbrachten wir mit einer 13-Stunden-Reise in S-Bahn, ICE und Reisebus.

Nach der ersten Übernachtung vor Ort ließ das Taizé-Leben aber nicht lange auf sich warte. Einen normalen Tagesablauf kann man sich ungefähr so vorstellen: Der Tag beginnt um 8.20 Uhr mit der ersten der drei täglichen Andachten – und die Andachten sind keineswegs so wie die gewohnten in unseren Kreisen! Während man mit hundert anderen Menschen auf dem Boden sitzend die Andacht verfolgt, hört man verschiedene Psalmen, verfolgt die Lesung auf Französisch und Deutsch mit, freut sich über die 15 Minuten absolute Stille in Gebet und Nachdenken und genießt einfach die berühmten, wunderschönen vierstimmigen „Gesänge aus Taizé“, die einem garantiert als Ohrwurm im Kopf bleiben. Die Melodien unwillkürlich weitersummend geht es danach zur Frühstücksausgabe. Bzw. eher in die Schlange vor der Frühstücksausgabe… denn in unserer Woche zählte man vor Ort bis zu 600 Jugendliche! Und die alle zu versorgen, dass braucht seine Zeit. Und auch als man dann endlich dran kommt, hellt sich das müde Gesicht nur ein Stückchen weit auf, denn man darf behaupten, dass die Mahlzeiten in Taizé eher spärlich ausfallen. Ein Brötchen, zwei kleine Schokotafeln und ein Pott Kakao oder Tee müssen reichen… Aber viel Zeit zum Nörgeln bleibt nicht (braucht man eigentlich auch nicht, man gewöhnt sich nämlich schnell dran!), denn um 10 Uhr beginnt die Einführung in die Bibelgruppen. Ja, Bibelgruppen. Nach einer Einführung durch den supercoolen Bruder Jasper geht es schnell in kleinere, international durchmixte Gruppen, um dort über einen täglich ausgewählten Text aus dem Johannesevangelium zu diskutieren und zu sprechen. Spätestens hier kam einer der tollsten Aspekte der Reise zum Vorschein: Das Treffen von vielen anderen jungen Leuten aus Deutschland, Belgien und noch weiter weg. Ganz sicher haben viele von uns zahlreiche neue, liebe Freunde gefunden - allein deswegen hat sich der Trip schon gelohnt! Nach dem anschließenden Mittaggebet und -essen (in Analogie zum Morgen) ging es für die meisten von uns dann los mit dem Arbeiten. Nein, die Woche in Taizé war KEIN Urlaub für uns! Ein großer Wert der Brüdergemeinschaft liegt darin, dass jeder der Anwesenden auch mit anpackt, um den „Laden am Laufen zu halten“! So waren die meisten von uns am Nachmittag beschäftigt mit Toiletten putzen, Großküchen reinigen oder Geschirr abwaschen, aber auch beim Essenausteilen 3x am Tag sind viele von uns aktiv geworden. Den Rest des Nachmittags konnte man dann immer sehr frei gestalten: Die wunderschöne Landschaft um Taizé verleitete viele von uns zum Spazierengehen, was gerne mal in einem Einkauf bei örtlichen Bauern endete; das internationale Publikum regte zum weiteren Kennenlernen an oder die Singgruppen verführten einen zum Üben der „chants de Taizé“. Der Abend wurde nach dem Abendessen durch ein klassisches Gebet geprägt, wobei am Ende der Andacht freiwillige Kreuzverehrung angeboten wurde. Und wer jetzt im Laufe des Tages nicht schon genug neue Leute kennengelernt hatte, der war nun herzlich willkommen im „Oyak“, dem Café und Kiosk von Taizé, in dem die Nacht durch Musik, Tanz und Spiele zum Tag gemacht wurde. Na ja, irgendwann musste auch der schönste Tag mal enden. Doch das war aushaltbar, denn man wusste: Morgen geht es wieder los! Auch wenn neun Tage sich viel anhören: Die Zeit verging wie im Fluge… nach ein paar Mahlzeiten, einigen Gebetszeiten und mancherlei Gesprächen mit anderen Pilgern hieß es plötzlich schon wieder: Morgen Abfahrt um 9 Uhr… Okay, zugegeben: Wir haben uns alle darauf gefreut, mal wieder so richtig was zu essen, ohne Badeschlappen zu duschen und sich in sein eigenes Bett zu legen. Und doch hatte diese Woche etwas ganz Besonderes an sich. Die vielen neuen Leute kennenzulernen, ja das war großartig! Aber auch im Glauben und im Sinnfinden hat diese Zeit hier vielen wirklich weitergeholfen. Viele von uns haben Sachen erlebt, die sie bestimmt ein Leben lang nicht vergessen werden… Das war uns auch klar, als wir Sonntagnacht nach 14 Stunden Fahrt wieder in Babelsberg ankamen, wir uns verabschiedet haben, und jeder nach Hause ging, mit den schönen Gesängen im Ohr und dem schönen Spirit aus Taizé im Herzen…

Am Ende möchten wir alle natürlich ganz herzlich Frau Andrea Herzig und Ursula Weidenfeld danken, ohne die diese wundervolle Reise nicht möglich geworden wäre! In den Tagen vor Ort hätten wir uns bestimmt keine bessere und liebere Begleitung wünschen können als Sie beide! Dankeschön für die Möglichkeit, diese Erfahrung zu sammeln!

Justus, 12. Klasse

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